Simon Niggli, Sie haben zwei Patenkinder von World Vision in Vietnam: War dies der Grund für Ihre Reise nach China und später nach Hanoi?

Nicht nur, es ist das Reisen an sich. Ich hatte schon 2009 den Jakobsweg von der Schweiz aus bis nach Spanien zurückgelegt. Das Reisen zu Fuss ist für mich die schönste und intensivste Art zu reisen. Asien ist mein Lieblingskontinent, und ich bin schon auf vielen Reisen in Asien unterwegs gewesen.

Ich bin immer wieder fasziniert von den Menschen, den verschiedenen Kulturen, Traditionen und Religionen. Meinen Reisepartner Christoph Obmascher kannte ich vom Jakobsweg her, und da auch er einmal die Seidenstrasse zu Fuss bereisen wollte, haben wir dieses Projekt in Angriff genommen. Der Besuch unserer Patenkinder war aber immer schon ein zusätzlicher Gedanke.
 

 

Sie hatten nicht vor, einfach in ein Flugzeug zu steigen und nach Hanoi zu fliegen, sondern beabsichtigten, einen grossen Teil der Strecke – rund 7000 Kilometer – zu Fuss zurückzulegen. Sie starteten am 18. Januar 2015 in der Schweiz und wanderten quer durch Europa, die Türkei, den Kaukasus, Kasachstan, Usbekistan, Kirgistan bis nach China. Danach reisten Sie mit Zug und Bus via Nepal, Thailand und Kambodscha nach Vietnam.
 

 

Wie lange waren Sie insgesamt unterwegs?

Wir waren 16 Monate unterwegs, bis Mai 2016. China haben wir im Oktober 2015 erreicht, Vietnam danach im Februar 2016. Wir mussten entgegen unserem Plan Indien und Bangladesch auslassen, da es zeitlich knapp wurde. Dafür kamen nach dem Besuch in Vietnam noch die Philippinen, Japan und Hongkong dazu.

Welche Herausforderungen mussten Sie während Ihrer langen Reise bewältigen?

Reisen zu Fuss ist sehr intensiv und anstrengend. Nach einigen Wochen waren wir zwar gut eingelaufen, jedoch tut einem immer wieder etwas weh. Es gab Wandertage, wo man gegen Abend schon völlig fertig war und dann nicht mehr gedacht hat, dass man das Tagesziel noch erreicht. Ans Aufgeben dachten wir aber nie, der Weg gibt einem unendlich viele wunderbare Momente zurück.

Es ist die Herzlichkeit und Gastfreundschaft, die uns immer wieder berührt hat.

Welche berührenden oder speziellen Erlebnisse hatten Sie auf Ihrer Reise?

Wir haben viele spezielle Erlebnisse mit Menschen erleben dürfen. Es ist die Herzlichkeit und Gastfreundschaft, die uns immer wieder berührt hat. Lustig war es, als wir in Georgien einen streunenden Hund, den wir Joseph tauften, bei uns aufgenommen hatten. Wir waren mit ihm rund drei Wochen unterwegs und er hat sehr gut zu uns gepasst. Er hatte wohl noch nie so viele Würste gegessen und wurde von uns gekämmt und entlaust.

Dabei stellte sich heraus, dass es ein Weibchen war. So wurde aus Joseph die Josephine. Wir fanden später in Georgien ein schönes Plätzchen in einem Gasthaus, wo die Hündin bleiben konnte.

Worauf mussten Sie vor und während Ihrer Reise besonders achten?

Wir mussten in erster Linie auf unsere Gesundheit achten. Jedoch sagt einem der Körper genau, wann er eine Pause benötigt und was er sonst so braucht. Essen ist sehr wichtig, man isst alles, was man kriegt, und durch die körperliche Anstrengung verbrennt man auch alles gleich wieder.

Welches waren die Höhepunkte Ihrer Reise?

Der erste Höhepunkt war die Ankunft in China, nach über 5500 Kilometern zu Fuss. Ein zweiter Höhepunkt war dann das Treffen mit unseren Patenkindern. Landschaftliche Höhepunkte erlebten wir unter anderem im Himalaya und am Schwarzen Meer. Kulturell war die Seidenstrasse ein absolutes Highlight.

Wir haben so oft Armut und Reichtum gesehen, manchmal ganz nahe beieinander.

Was hat Ihnen auf Ihrer Reise zu denken gegeben?

Wir haben so oft Armut und Reichtum gesehen, manchmal ganz nahe beieinander. Wir sahen so viele Menschen, darunter Kinder und Jugendliche, ohne Aussicht auf ein besseres Leben, ohne Perspektiven und Chancen. Wir sahen aber auch die Fortschritte von Hilfswerken und Kinder, die nun in die Schule gehen können und so eine bessere Zukunft vor sich haben.

Wie fällt Ihr Fazit aus – anders gefragt: Hat sich das ganze Unterfangen für Sie und Ihren Reisebegleiter gelohnt?

Ja, auf jeden Fall. Wir konnten in den 16 Monaten, in denen wir unterwegs waren, Asien und Europa entdecken, viele Länder zu Fuss durchqueren und haben dabei viele wunderbare und interessante Menschen kennengelernt.

Wir haben viel gelernt von den einzelnen Ländern, von den Kulturen und Traditionen und sehen nun viele Dinge etwas anders. Alles, was es braucht, ist ein Traum von einer Reise, der verwirklicht werden will. Ein erster Gedanke reicht und es kann sein, dass man davon nicht mehr loskommt.

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Bilder: zVg